„Es entwickelt sich etwas“

Tobias Angerer ist einer der erfolgreichsten deutschen Langläufer aller Zeiten. Bei Winspo spricht er exklusiv über das deutsche Team, die Medaillenchancen bei der Nordischen Ski WM und die Dominanz der Norweger.

© Atomic

Wie schätzen Sie die Chancen der deutschen Langläufer für diese Saison ein? Wer kann bei der Nordischen Ski WM im Februar eine Medaille holen?

Der Auftakt der Damen mit Platz 5 und 7 für Nicole Fessel und Victoria Carl in Kuusamo war vielversprechend. Auch am vergangenen Wochnende in La Clusaz zeigten Nicole Fessel als siebte, Florian Notz als neunter und die Herrenstaffel als vierte starke Leistungen. Ich glaube, dass diese Platzierungen auch in den kommenden Wochen und Monaten möglich sind. Dazu hatten die jungen Sportlerinnen gute Ergebnisse, waren knapp an den Top-15. Es entwickelt sich etwas.

Der ein oder andere kann für eine Überraschung sorgen

Wenn alle fit und gesund durch die Saison kommen, ist eine Staffel- oder Teamsprintmedaille bei der WM in Lathi möglich. Es muss auf jeden Fall das Ziel sein. Norwegen ist uns voraus, auch die Finninen sind stark. Um Bronze kämpfen mehrere Nationen wie Schweden, USA, Russland und eben Deutschland. In den Einzelrennen sind Top-10 Ergebnisse realistisch, vielleicht ist auch die ein oder andere Überraschung mit dabei.

Tobias Angerer gehört zurgoldenen Generation deutscher Langläufer. 2002 errang der damals 25-jährige die olympischen Bronzemedaille mit der Staffel. Es folgten drei weitere Medaillen bei Olympia 2006 und 2010, sowie sieben WM-Medaillen mit der Staffel und im Einzel. Angerer gewann außerdem den Gesamtweltcup in der Saison 2005/2006 und 2006/2007 sowie die Tour de Ski im gleichen Jahr. Heute lebt er mit seiner Frau Romy in seinem Heimatort Traunstein und engagiert sich aktiv für den Nachwuchs. © Atomic/Nordic Focus

Bei den Männern ist es momentan schwieriger einzuschätzen: Die Hoffnungsträger Hannes Dotzler und Tim Tscharnke fielen langfristig aus. Dazu die Schulter-OP bei Andi Katz und der krankheitsbedingte Ausfall von Jonas Dobler jetzt im Dezember. Tscharnke hat vergangenes Wochenende seine ersten Wettkämpfe absolviert und der DSV hofft, dass er zur Tour de Ski wieder mit dabei ist. Dotzler ist im Training und macht Fortschritte. Bei Katz wird es ein Wettlauf mit der Zeit. Wenn drei der vier verletzten Akteure bis zur WM wieder in Form sind, ist auch hier in den Teamwettbewerben etwas möglich.

Die Mannschaft ist nach wie vor eine der jüngsten im Weltcupzirkus. Die Entwicklung von Thomas Bing, Florian Notz, Thomas Wick oder Lucas Boegel ist voll im Gange und braucht seine Zeit. Sebastian Eisenlauer entwickelt sich gerade vom Sprinter zum Distanzläufer. Ich hoffe, dass die Sportler bei der Tour gute Ergebnisse zeigen und sich so das nötige Selbstvertrauen für die WM holen. Dort kann der ein oder andere für eine Überraschung sorgen. In den Staffelwettbewerben sollte man sich hohe Ziele setzen. Von Platz 3 bis 7 ist aber alles möglich.

In den letzten Jahren und traditionell überzeugen vor allem die Norweger. Was machen sie anders und warum sind sie so erfolgreich?

In Norwegen hat der Skilanglauf eine große Tradition und Popularität. Der Stellenwert ist zu vergleichen mit Fußball bei uns! Ich war selbst mehrmals in Norwegen bei Schüler- und Kinderrennen vor Ort und konnte mich davon überzeugen. Tausende von Kindern laufen dort umher und eifern ihren Vorbildern nach. Langlauf ist Kultur in Norwegen.

Der norwegische Verband hat sehr gute Strukturen

Wenn man aus diesem unerschöpflichen Reservoir an Schülern und Jugendlichen auswählen kann, ist es eigentlich schon vorgegeben, dass die Langläufer Weltklasse darstellen. Alle paar Jahre sind Überflieger á la Daehlie, Alsgaard oder Northug unter den tausenden Talenten dabei. Die Trainer vermitteln ihnen schon früh im Nachwuchsbereich die Technik. Dazu hat der Verband sehr gute Strukturen und etwa den 10-fachen Etat gegenüber den mitteleuropäischen Ländern. Das alles erklärt die Dominanz.

Tobias Angerer beim Training. © Atomic

Bei so vielen Weltklasse-Athleten in einem Team ist die Motivation und der Standard im Training enorm hoch. Dadurch werden die Athleten noch besser. Ich weiß das aus eigener Erfahrung: Als wir so erfolgreich waren, haben sich Sommerfeldt, Teichmann, Filbrich, Schlütter, Göring und ich im Training gegenseitig motiviert. Das hat uns zu neuen Höchstleistungen angetrieben und unser Niveau gesteigert. Du wusstest, wenn du im Training vorne warst, dann bist du auch im Weltcup ganz oben dabei.

Wie bewerten Sie die Strukturen in der Nachwuchsförderung des Deutschen Ski Verbands (DSV) sowie die Arbeit des neuen Trainergespanns Janko Neuber und Torstein Drivenes?

Im Nachwuchsbereich des DSV wurde in den letzten Jahren einiges verändert. Der Verband versucht, aus den vielen Kindern und Schülern, die dem Sport nacheifern, eine angemessene Anzahl nach oben zu bekommen. Das ist schwierig, weil man auch an viele andere Dinge, wie zum Beispiel schulische Belastung und schneearme Winter denken muss. Außerdem ist Langlauf im Gegensatz zu Norwegen eine Randsportart in Deutschland.

Mehrere Sportler sind in den vergangenen Jahren stagniert

In meiner Region haben wir deshalb vor zweieinhalb Jahren das Jugendteam Chiemgau/Inngau gegründet. Wir bauen damit eine Brücke vom Schüler- zum Erwachsenenbereich, wo sich die Jugendlichen entwickeln können. Im Schülerbereich der 7-15 jährigen haben wir in unserer Region 300 Kinder am Start, aber im Jugendbereich sind in den letzten Jahren fast alle weggebrochen. Talente sind genügend vorhanden. Wir müssen uns um sie kümmern und sie fördern und fordern. Hier sind wir jetzt auf einem guten Weg.

Der ZDF-Experte Angerer ist immer noch nah dran am Langlauf-Geschehen. © Tobias Angerer

Wichtig ist, dass bei den jungen Sportlern im Übergang vom Junioren- zum Seniorenbereich eine Entwicklung stattfindet. Genau in diesem Bereich sind mehrere Sportler in den vergangenen Jahren stagniert und haben sich leider nicht so weiterentwickelt wie erhofft. Hier muss man in meinen Augen genau analysieren, warum viele deutsche Junioren- und U23-Weltmeister, mit wenigen Ausnahmen, sich nicht so im Weltcup weiterentwickelt haben wie man es hätte erwarten können.

Die Trainer sind jetzt das zweite Jahr im Einsatz. Sie haben viele neue Ideen und Ansätze und arbeiten hart. Die beiden ergänzen sich gut und halten die meisten Trainings gemeinsam ab. Für Janko im Herrenbereich ist es nicht leicht, wenn wie in der vergangenen Saison Dotzler und Tscharnke oder auch jetzt zu Beginn der neuen Saison vier Sportler ausfallen. Die Decke der Athleten ist dann zu dünn, um das kompensieren zu können. Wenn wieder alle an Bord sind, dann kann und wird es auch einen Aufwärtstrend geben.

Torstein hat bei den Damen die jungen Sportlerinnen wie Victoria Carl und Katharina Hennig zu den erfahreneren Athletinnen Nicole Fessel, Steffi Böhler und Sandra Ringwald integriert. Mit sehr guten Ergebnissen haben sie gezeigt, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Hier stimmt auch die Altersstruktur aus Erfahrenen, die in der ersten Reihe stehen und den Jüngeren, die sich hier dahinter entwickeln und verbessern können.

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